Après l’Ondée von Guerlain: Das impressionistische Aquarell

Ich hege eine ganz besondere Zuneigung zu Après l’Ondée, denn für mich ist es die „Mutter von L’Heure Bleue“, das ich seit jeher trage.
Leider existiert Après l’Ondée aufgrund der IFRA-Normen nicht mehr als Extrakt; hätten wir es den geltenden Normen angepasst, wäre es wahrlich entstellt worden. Doch glücklicherweise haben wir es immer noch in seiner Version als Eau de Toilette.
Ich sehe Après l’Ondée als ein Aquarell und L’Heure Bleue als ein Werk „mit Substanz“, mit Tiefe, mit einem reichen und dichten Fond, zugleich moosiger und orientalischer. L’Heure Bleue besitzt, im Unterschied zu Après l’Ondée, einen „Eibisch-Akkord“ (Guimauve), eine Allianz aus Orangenblüte und Vanille, sowie die Skizze der berühmten Guerlinade.
Geschichte und Inspiration
An einem Frühlingstag bricht ein Gewitter los. Es ergießt seine Wasser über die noch warme Natur. Der Regen benetzt jedes Blütenblatt der Blumen, jeden Grashalm, die Rinde der Bäume. Und wenn das Ende des Gewitters naht, klärt sich der Himmel auf, einige noch schüchterne Sonnenstrahlen erscheinen und die erfrischte Natur sublimiert ihre Düfte.
Après l’Ondée erzählt von diesem Moment, in dem das Geräusch des Regens verblasst und einem sanften Licht Platz macht, das durch die Blätter der Bäume gefiltert wird. Und von den warmen Gerüchen der Erde, der Blätter und der Blumen, die exaltiert werden, um uns ihre sanftesten Düfte zu schenken.
Après l’Ondée ist ein poetisches Parfum. Während Jacques Guerlain auf dem Land spazieren geht, bricht ein Gewitter aus. Beeindruckt vom Duft, den die Natur verströmt, komponiert er diese Ode an die Blumen, die vom Tau benetzt sind.
Es ist ein Parfum voller Nuancen, voller Zartheit, in Kommunion mit den Elementen der Erde, ein Parfum, das das schöne Wetter nach dem Regen feiert, ein Parfum, das Lust macht, barfuß im Gras zu laufen.
Olfaktorische Beschreibung
Der florale Akkord entwickelt Hesperidennoten in der Kopfnote, begleitet von Anisnoten. Im Herzen macht ein reiches Bouquet aus Orangenblüte, Veilchen und Nelken sowie Weißdorn Platz für einen pudrigen Fond (der von den Iriswurzeln ausgeht; hier wird direkt die Irisbutter oder das Iris-Concrète in die Formel gegeben), Heliotrop und Vanille. Après l’Ondée ist eine Iris, benetzt von Tautropfen.
Die Gemeinsamkeit von Après l’Ondée und L’Heure Bleue ist der Oregano-Akkord (L’Origan), kreiert von Coty – ein Akkord, bestehend aus Orangenblüte, Veilchen und würzigen Noten: Gewürznelke und Vanille. Es war eines der ersten, wenn nicht sogar das erste Parfum, das den 1887 kreierten Anisaldehyd sowie das 1889 kreierte Heliotropin und die Jonone verwendete.
Olfaktorische Pyramide
- Kopfnoten: Zitrone, Bergamotte, Neroli.
- Herznoten: Nelke, Veilchen, Mimose (Cassie).
- Basisnoten: Vanille, Benzoe, Iriswurzeln, Heliotrop, Sandelholz.
Familie: Blumig-pudrig.
Erbe und Flakon
Quand vient la pluie, ein Parfum, das wir für die Exclusifs mit Thierry Wasser entwickelt hatten, als er noch nicht der Hausparfümeur war; wir wollten damals dieses Thema bearbeiten: Après l’Ondée auf zeitgenössische Weise interpretieren, mit einem präsenteren und süchtig machenderen Fond. Das Ganze eingebettet in den Skulptur-Flakon, entworfen von Serge Mansau.
Der Originalflakon: Der Flakon, genannt Louis-XVI-Flakon, erinnert an einen Weidenkorb, der Marie-Antoinette gehört haben könnte, die ganz vernarrt in das Landleben war. Der Verschluss greift das Design der Kleeblüte auf, Symbol der Feldblumen. Aber mittlerweile befindet er sich im Sprühflakon des Eau de Cologne Impériale.
Wie eine Liebkosung.
Steigt der Frühlingsregen auf,
Bis zur Sonne!
Nach dem Schauer ein einziger schöner Sonnenstrahl.
Verbreitet über die Natur eine heitere Freude.
Ganz plötzlich, in den Feldern, in glorreichem Erwachen,
Flammt der Frühling auf.
Ein unsagbares Parfum erfüllt die laue Luft.
Und die Blumen scheinen beim Öffnen lächeln zu wollen.
Mit mir, teure Liebe, willst du sie pflücken, sag?
– Ich wünsche es mir.
Nun verschönert dieser Strauß das Haus.
Diese Rosen auf dem Bett erheitern unsere Gedanken.
Liebste, lass uns die Blätter abzupfen: es ist ein Spiel der Jahreszeit…