1. Die Geschichte und die DNA: Meine Verbindung zu Francis Kurkdjian
Ich kenne Francis Kurkdjian schon sehr lange, noch aus der Zeit, als er bei Duftkreationsunternehmen wie Quest International und später bei Takasago arbeitete. Da ich die Parfümkreation bei Guerlain leitete, hatte ich ihn gebrieft, und wir hatten das große Vergnügen, gemeinsam das Eau de Lit zu entwickeln, später das Eau de Parfum Rose Barbare für die Kollektion L’Art et la Matière. Die Zusammenarbeit mit ihm hat mir außerordentlich viel Freude bereitet.
Ich habe außerdem seine ersten Kreationen für Dior sehr bewundert: Cologne Blanche und vor allem das unglaubliche Eau Noire (das leider aus dem Katalog verschwunden ist und für Herren ganz hervorragend war). Sie entstanden 2004 unter der künstlerischen Leitung von Hedi Slimane: Es war die allererste Haute-Parfümerie-Kollektion innerhalb einer Prestigemarke. Guerlain folgte anschließend mit L’Art et la Matière, dann Hermès mit den Hermessences. Heute hat jedes große Haus seine eigene besondere Kollektion.
2009 gründet er sein eigenes Haus, Maison Francis Kurkdjian, an der Seite seines brillanten Geschäftspartners Marc Chaya. Später von der LVMH-Gruppe übernommen, bleibt Francis dessen künstlerischer Leiter. Eine weitere Krönung: 2021 wird er zum Directeur de la Création Parfums der Maison Dior ernannt. Was für eine Karriere!
Ich bin sehr beeindruckt, denn er ist nicht nur ein hochtalentierter Parfümeur (Prix François Coty 2001, Chevalier des Arts et des Lettres 2009), sondern auch ein herausragender Kommunikator. Da er klassisches Ballett praktiziert hat, ist er sehr empfänglich für alle Kunstformen, was ihn zu einem sensiblen, charismatischen und faszinierenden Kreateur macht.

2. Die absolute Ikone: Baccarat Rouge 540
Man muss wissen, dass dieser Duft ursprünglich, im Jahr 2014, nur in 250 nummerierten Kristallexemplaren geplant war, um den 250. Jahrestag der Kristallmanufaktur Baccarat zu feiern. Warum „540″? Weil dies die exakte Temperatur (540 Grad) ist, bei der Goldpulver in das geschmolzene Kristall eingearbeitet wird, um ihm diese unverwechselbare rote Farbe zu verleihen.
2016 beschließt Francis Kurkdjian, es in seine permanente Kollektion aufzunehmen. Das ist der Beginn einer weltweiten Erfolgswelle, die heute den Großteil der Bekanntheit und der Verkäufe der Marke ausmacht.
Es ist ein Gourmand-Duft von beeindruckender Präzision. Er basiert auf einem besonders gewagten Akkord aus Veltol (der Karamellfacette), kombiniert mit einer Moosnote (Evernyl). Die Formel ist kurz, aber durchschlagend, das Markenzeichen großer Meisterwerke. Sein Sillage ist verheerend und seine Haltbarkeit phänomenal: rechnen Sie mit 12 Stunden auf der Haut und mehreren Wochen auf der Kleidung.
Persönlich trage ich ihn nicht, da ich keine Liebhaberin von Gourmand-Noten bin. Seine technische Virtuosität erkenne ich jedoch vorbehaltlos an: Er ist sofort wiederzuerkennen. Einen solchen zeitgenössischen Klassiker im Laufe einer Karriere zu erschaffen, verdient Respekt. Die Kehrseite der Medaille: Der Markt ist überschwemmt mit Kopien und Dupes (insbesondere bei Zara, die weitaus unangenehmer und chemischer wirken).
Duftpyramide von Baccarat Rouge 540:
- Kopfnoten: Hedion, Safran, Pfeffer
- Herznoten: Jasmin, Rose, Honig, Guajakholz
- Basisnoten: Vanille, Veltol, Sandelholz, Eichenmoos (Evernyl), Weihrauch, Zeder, Ambroxan

3. Die kritische Bewertung: Meine Top 3 bei MFK
Grand Soir
Es handelt sich um einen klassischen, eleganten und perfekt unisex tragbaren Ambré- (oder Oriental-)Duft. Die Komposition ist von Anfang bis Ende meisterhaft beherrscht. Er sucht nicht um jeden Preis zu überraschen, sondern bietet absoluten Tragekomfort, ein bemerkenswertes Sillage und eine solide Haltbarkeit von etwa 7 Stunden. Es ist eine perfekte Lektion in orientalischer Akkordbildung.
Duftpyramide von Grand Soir:
- Kopfnoten: Lavendel, Orange
- Herznoten: Orangenblüte, Rose, Honig, Jasmin
- Basisnoten: Vanille, Benzoe, Weihrauch, Ambra, Zeder, Tonkabohne, Labdanum-Zistrose

APOM
Ein wunderbarer floraler Duft, der sich um den Dialog zwischen Orangenblüte und Ylang-Ylang dreht. Es ist ein unkompliziert zu tragender Saft, strahlend und von großem Chic. Der Auftakt ist spritzig und frisch (Bergamotte, Lavendel), bevor er sich zu einem sonnigen Herz und schließlich zu einem warmen, umhüllenden Fond entwickelt.
Duftpyramide von APOM:
- Kopfnoten: Lavendel, Bergamotte
- Herznoten: Orangenblüte, Ylang-Ylang, Rose
- Basisnoten: Ambrée-Akkord, Labdanum, Vanille

À la rose
Ein zartes, sehr natürliches und belebendes Soliflore. Es ist die ideale Variante für alle, die den exakten Geruch eines frischen Rosenbeets suchen, das vom Morgentau benetzt ist.
Duftpyramide von À la rose:
- Kopfnoten: Litschi, Bergamotte, Zitrone
- Herznoten: Rose aus Grasse, bulgarische Rose
- Basisnoten: vanillige Note

4. Der Test der weiteren Kreationen
Gentle Fluidity (Gold und Silver)
Das Konzept ist bemerkenswert: zwei unterschiedliche Sillages aus denselben 49 Inhaltsstoffen zu komponieren, indem man lediglich deren Dosierung verändert. Die Absicht, die Zweiteilung der Geschlechter zu verwischen, ist genial. Für meine Nase neigt die Version Silver zu maskulineren, sehr spritzigen und belebenden Tönen (Gin-Tonic-Effekt). Die Version Gold ist femininer und spielt mit dem Kontrast zwischen einem prickelnden Kopf und einer intensiv vanilligen Basis.
Ich mag die Kopf- und Herzakkorde sehr, aber die Facette „Ambraholz“ im Fond stört mich etwas. Dieses molekulare Gerüst verleiht ihnen dennoch eine ausgezeichnete Haltbarkeit von 6 bis 7 Stunden.
Die OUD-Kollektion
(Oud Velvet Mood, Oud Satin Mood, Oud Silk Mood…)
Ich möchte transparent sein: Mein Urteil ist hier nicht objektiv, da ich Oud in der Parfümerie kaum schätze. Ich finde diese Noten zu hart, zu dunkel, auf dem Markt übersättigt und oft mit jenen sehr aggressiven Ambraholz-Noten verbunden, die den Raum förmlich überfluten. Wenn Sie die rohe Kraft dieses Materials lieben: Die Rohstoffe sind von großer Qualität, aber das entspricht nicht meiner Sensibilität.

5. Das Fazit: An wen richtet sich Maison Francis Kurkdjian?
Maison Francis Kurkdjian richtet sich an Liebhaber schöner französischer Haute Parfümerie, strukturiert und technisch tadellos. Die Aufbauten bleiben klassisch, doch die Ausführung ist millimetergenau.
Da ich weder sehr süße Strukturen noch allgegenwärtiges Ambraholz besonders schätze, hatte ich keinen persönlichen Liebe-auf-den-ersten-Blick-Moment mit dem gesamten Katalog. Doch für alle, die einen majestätischen Oriental-Duft suchen, ist Grand Soir absolut unverzichtbar, ebenso wie Baccarat Rouge 540 für Liebhaber opulenter, unverwechselbarer Sillages.

Parfum bleibt vor allem eine Frage der Intimität, der Hautaffinität und der sinnlichen Erinnerung.


